Melih Duygulu
ARTIKEL

TRADITION DER VOLKSSÄNGER IN ANATOLIEN UND MUSIK BEI DEN VOLKSSÄNGERN (AŞIK)

( by Melih Duygulu )

Volkssänger sind eine sehr besondere und hervorragende Künstlergruppe, die uns in der türkischen Kultur begegnen. Allgemein betrachtet werden Volkssänger dazu erzogen, um in Begleitung des Intruments Saz Worte und Gedichte vorzutragen; diese Künstler bringen alle sozialen Ereignisse der Gesellschaft, in der sie sich befinden, zur Sprache und werden somit in der Geschichte aufgezeichnet. Schon in frühsten Epochen der türkischen Geschichte existierte eine Gruppe, die sich mit religiösen und gesellschaftlichen Themen beschäftigte, genannt Şaman, Kam, Baksı, Ozan; sie waren zuständig für die Aufgaben eines Geistlichen, Arztes, Dichters und Musikers..

Es ist nicht falsch zu sagen, dass die Volkssänger, die die Eigenschaften der oben genannten Gruppen besitzen, die heutigen regionalen Künstler sind. Es ist eindeutig, dass die bereicherten Volkssänger diese Eigenschaften aus der Tradition bekommen, da bis zur nahen Vergangenheit viele Volkssänger diese Eigenschaften innehatten. Die heutigen Volkssänger besitzen eher dichterische und musikalische Eigenschaften als die oben genannten. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird in der Türkei anstelle von 'Aşık' häufiger der Begriff 'Ozan' benutzt. Allerdings wird 'Ozan' für alle Gedichtsvortragende, also Dichter, verwendet, deshalb werden wir weiter den Begriff 'Aşık' benutzen, um die traditionellen Volkssänger von ihnen zu trennen. Der volkstümliche Ausdruck für Ozan ist eher Halk aşığı, Hak Aşığı, Saz Şairi, Sazlı aşık.

Heute existiert eine von Mittelasien bis zum Balkan verbreitete Volksänger-Kultur, die nach regionalen Eigenschaften geartet ist.

Besonders an den Küstengebieten des kaspischen Meeres und allen Gebieten Anatoliens herrscht eine Volkssängerkultur, die ihre Lebendigkeit bewahrt und weiter führt. Neben den bekannten Spuren der Volkssänger in der türkischen Kultur, die schon aus frühsten Zeiten stammen, begegnet man den Volkssänger-Typen hauptsächlich in den 'Dede Korkut'-Geschichten. Dede Korkut wird als Gründer der Volkssänger benannt, der mit seinem als 'kopuz' bezeichnetem Musikinstrument über 'Abstammung' und 'Herkunft' erzählt. Unter den ab dem XX.Jahrhundert nach Anatolien kommenden turkmenischen Stämmen lassen sich zahlreiche Volkssänger feststellen, die nicht aus jeglichen Gründen Gedichte vorsagten, sondern dies beruflich ausübten. Im XVII. Jahrhundert sieht man, dass sich Anatolien zu einer Volkssänger-Heimat entwickelt hat.. Diese sowohl eigene Lieder als auch regionale Melodien spielende und singende Künstler werden mehrmals in den Reisebeschreibungen des berühmten Wanderers Evliya Çelebi erwähnt und über ihre Repertoires berichtet.

Ein Volkssänger wächst mit der sozialen Kultur, in der er sich befindet, auf. Beim Raustreten aus diesem sozialen Umriss,die sie bedeutend machen, verliert die Tradition ihre Bedeutung. Sie lesen dem Volk Dichtungen vor und singen Lieder (deyiş) in den angehörigen Kaffeehäusern, Schenken, Herbergen, Karawanserein, Aşık-Kaffeestuben und oft in den Räumen, wo sich die Dorfbevölkerung trifft. Außerdem sind zahlreiche Dokumente vorhanden, die zeigen, dass die Volkssänger auch im Osmanischen Palast ihre Kunst ausübten. Besonders die Osmanischen Herrscher Murat der IV. und Mehmet der IV. zeigten Interesse. Dies zeigt, dass diese Kunst ein in allen sozialen Schichten der Gesellschaft-von der untersten bis zur obersten-auszuübenden Beruf ist. Eine zusätzliche Mission ist die Geschichtenerzählung, die diesen Volkssängern übergeben wurde. Erzählungen über Aşık Garip, Hurşid und Mahmiri, Kerem und Aslı usw. werden tagelang weiter erzählt und somit wird die Geistreichigkeit des Volkes gefördert und eine kulturelle Bindung mit der Vergangenheit geschaffen. Es ist wohl bekannt, dass die Volkssänger Musik und Erzählungen nacheinander vortragen und somit ein eigenes Repertoire bilden.
Allgemein können Volkssänger in zwei Gruppen aufgefasst werden: Die reisenden/wandernden einerseits und die sesshaften/lokalen andererseits.

Die reisenden Volkssänger ziehen in allen Jahreszeiten von Dorf zu Dorf, von Ort zu Ort und üben ihre Künste aus. Die lokalen Volkssänger führen nur ihre regionale Kunst aus. Es ist bekannt, dass die Gedichte der wandernden Volkssänger noch bis heute von anderen nieder geschieben werden, da sie selbst nicht lesen und schreiben können. Lokale und besonders in Großstädten lebende Volkssänger hingegen schreiben ihre Gedichte überlegt nieder, anstatt sie zu singen. Dieser Zustand beeinflusste sowohl ihren sozialen Status als auch die Themen ihrer Gedichte enorm. Solche Volkssänger nennt man 'Kalem Şuarası' (Stift-Dichter). Ein Volkssänger beginnt diesen Beruf entweder neben einem Meister, bei dem er das Vortragen der Gedichte und Saz spielen lernt oder unabhängig aus innerlicher Inspiration.. Egal auf welche Weise eine Person mit diesem Beruf beginnt, irgendwie wird er doch von einem Meister unterrichtet. Es wird angenommen, dass die Inspiration der Dichtung allerdings vielmehr als Ergebnis eines Traum Traums beginnt.

Volkssänger sind lokale Künstler, die die Gesänge (deyiş) ihrer zuvor gelebten Volkssänger oder eigene Gesänge mit regionalen Melodien vortragen. Diese Volkssänger kennen das charakteristische Tonsystem jener Region und das Repertoire und demnach bestimmen sie ihre Werke. Fast alle Volkssänger spielen das Instrument Saz. Ein Volkssänger, der dieses Instrument nicht beherrscht, wird im anatolischen und europäischen Gebiet nicht sehr geschätzt. Die Volksänger benennen das Instrument Saz ihrer Größe nach unterschiedlich. Einige Bezeichnungen sind Bağlama, Divan, Bozuk, Çöğür, Ruzba. Auch wenn es Volkssänger gibt, die außer Saz andere Instrumente wie Keman (Geige) und Kaval (Hirtenflöte) spielen, ist Saz doch das meist gespielte Instrument.

Das Repertoire der Volkssänger beinhaltet im Vergleich zu lokalen Volksmusikarten unterschiedliche Eigenschaften und werden verschieden genannt. Ein typisches Beispiel dieses Repertoires ist Atışma. Es ist sozusagen ein Wettbewerb, an dem zwei, drei und manchmal fünf, sechs Volkssänger teilnehmen, wobei sie sich gegenseitig Sprüche sagen und versuchen, den anderen unterzukriegen. Es gibt auch andere Formen von diesen Wettbewerben. Die Schwierigste heißt 'dudak değmez'. Die Volkssänger beginnen mit einer Nadel zwischen den Lippen Gedichte auszusprechen. Dabei dürfen die Worte keine Buchstaben wie b, p, m, f, v beinhalten, sonst sticht die Nadel in die Lippen des Volkssängers und er muss ausscheiden.

Die bekanntesten und verbreitesten Formen der Volkssänger-Repertoires sind muamma asma (Rätsellösen), Varsağı (Liedform nach dem Stamm der Varsak), Taşlama (Schmähgesang), Kalenderi (Musik begleitende Dichtung), Selis (Gazel der Volkssänger), Deyiş (Gedichtsart), Destan (Epos), Diwan (gesamtes poetisches Werk), Koşma (Volksliedart), Tekellüm (Sprechfähigkeit) , Mani (Vierzeiler), Türkü (Lied) , Semai (vierzeilige Liedform), Satranç (Schachspiel), Vezn-i Aher (letzter Vers) ... Es gab bis heute tausende namentlich bekannte und unbekannte Volkssänger. Es sind tausende Anthologien vorhanden, die aus ihren Gedichten bestehen. Obwohl es hunderte von Bücher über die Volkssänger-Literatur gibt, ist es sicher, dass noch viele unbekannte Volkssänger existieren.

Volkssänger unterscheiden sich auch in ihren religiösen und konfessionellen Bindungen voneinander. Dieser Unterschied beeinflusst direkt ihr Repertoire. Beispielsweise die zu den Alewiten-Bektaschi-Gemeinschaften angehören Volkssänger machen kein 'Atışma'. Auch wenn ein Teil des oben genannten Repertoires bei diesen Volkssängern vorhanden ist, tragen Volkssänger dieser Gemeinschaften ihre Kunst auf eine andere Art und Weise vor. Bei diesen Volkssängern ist festzustellen, dass sie eher die Formen wie Deyiş, Nefes, Duvaz , Kalenderi, Semah, Nevruziye, Mersiye vortragen.

Die Namen der oben genannten Volkssänger sind auch bedeutenswert in dem Volkssänger-Repertoire. Dieses Repertoire ist so verbreitet und angeeignet worden, dass die in ihr herrschende Melodieform mit den Namen der Helden in der Geschichte benannt wird. Die melodische Tonfolge (makam) solcher Melodieformen werden in der Volkssänger-Terminologie 'Ayak' genannt. Daher stammend sind 'Garp Ayağı, Kerem Ayağı, Gevheri Ayağı' Namen dieser Art und befinden sich gänzlich in der Volkssänger-Musik als Melodieform.

Ausgewählte Quellen:

Pertev Naili Boratav- Halil Vedat Fıratlı, İzahlı Halk Şiiri Antolojisi, Ankara 1943.

Mehmed Fuad Köprülü, Türk Saz Şairleri, C. I-V, Ankara 1962-1965.

Mehmed Fuad Köprülü, Edebiyat Araştırmaları, Ankara 1966.

Hikmet Dizdaroğlu, Halk Şiirinde Türler, Ankara 1969. Nida Tüfekçi, “Aşıklarda Müzik”, II. Milletlerarası Türk Folklor Kongresi Bildirileri, Ankara 1983, C. 3, s.325-340.

Melih Duygulu, Alevi-Bektaşi Müziğinde Deyişler, İstanbul 1997.